Gut informiert älter werden.
00:00:00: Lebenslanges Lernen ist die Devise einer Bildungsgesellschaft. Besonders mit der Rente kann man Bildungsangebote ganz ohne Druck nach eigenen Interessen und mit Neugier und Freude für sich neu entdecken. Kölner Leben hat sich an der Universität Köln und der Volkshochschule umgeschaut. Lebenslange Lernlust. Lernen hört nie auf und besonders Köln hat für ältere Menschen einiges zu bieten. Ein Artikel von Rene Denzer.
00:00:30: Angelika Christ steckt gedanklich in den Jahren 1794 bis 1815. Damals stand Köln unter französischer Herrschaft. Schon seit drei Jahren beschäftigen sie und ihre Gruppe sich mit diesem Thema. Dazu gehören auch Texte aus der „Franzosenzeit“, die in einer heute nicht mehr gebräuchlichen Schriftart geschrieben sind. Um sie entziffern zu können, nutzt Christ zu Hause das Computerprogramm „Transkribus“. Die Erkenntnisse aus den alten Schriften braucht sie für ein Projekt an der Uni Köln. Dort hat sich die 72-Jährige als Gasthörerin an der Philosophischen Fakultät für Neuere Geschichte eingeschrieben. Für das kommende Semester brauchen sie und ihre Mitstudierenden ein neues Thema. „Der Lehrstuhl für Neuere Geschichte hat uns Vorschläge gemacht“, sagt Christ. Einer davon ist das Thema „Spitäler“. Aus Krankenhausunterlagen lasse sich eine Menge ablesen, um zu erforschen, wie die damalige soziale Welt aussah, erklärt Christ. Ebenfalls zur Auswahl steht das Thema „Universität“ und die Frage, wer Anfang des 19. Jahrhunderts studiert hat. Wer heute studiert, ist bekannt. Angelika Christ gehört dazu. Vor ihrem Renteneintritt war die studierte Volkswirtin Geschäftsführerin von Industrie- verbänden. Neugier ist ihre Triebfeder. „Ich will Dinge machen, die ich vorher vernachlässigt habe“, sagt sie. Das gelte sowohl für Kultur als auch für Wissen. Damit ist sie nicht allein: Christ ist eine von rund tausend Gasthörenden an der Uni Köln.
00:01:54: Lernen ohne Leistungsdruck. Diese Zahl sei in den vergangenen Jahren weitgehend konstant geblieben. Viele von ihnen interessierten sich für Geschichte und Philosophie, berichtet Anne Löhr. Sie leitet die zuständige „Koordinierungsstelle Wissenschaft und Öffentlichkeit“, kurz KOOST, der Universität zu Köln. Eine hohe Nachfrage gebe es auch bei den aktuellen sozial-politischen Themenstellungen, sagt sie. Einen Abschluss strebt Christ nicht an. „Ich mache das ausschließlich für mich, aus Interesse und um neue Welten zu erforschen. Außerdem freue ich mich darüber, dass es an der Uni Köln so ein breites Angebot gibt.“ Anders als reguläre Studierende hat sie keinen straffen Stundenplan. „Ich habe keinerlei Prüfungsdruck. Ich bin völlig frei, das ist ja das Traum- hafte.“ Es sei ein Riesenunterschied, „ob Sie sich aus Lust und Freude hinsetzen und sagen können: Toll, was ich hier geboten bekomme! Oder ob Sie dicke Bücher lesen und Pflichtveranstaltungen besuchen müssen.“ Im Gegensatz zu früher muss sie ihre Teilnahme an einem Seminar, für das regulär Studierende Leistungs- nachweise erbringen müssen, mit dem Dozenten absprechen. Denn die Plätze sind oftmals begrenzt. Jungen Menschen soll kein Platz genommen werden. Das sei verständlich, sagt Christ. „Schließlich müssen die ihren Abschluss machen.“ Die meisten Vorlesungen könne sie aber ohne Anmeldung besuchen. Jüngst sei sie in einer gewesen, die sei so rappelvoll gewesen, dass die Studierenden auch auf den Fensterbänken gesessen hätten. Dennoch sei der Kontakt zu jungen Menschen rar gesät. Sie komme zwar mit dem einen oder anderen mal ins Gespräch, aber ein richtiger Austausch finde nicht statt. Dass vieles an der Uni nur noch online geht, schreckt sie nicht. „Durch den Job bin ich den Umgang mit dem PC gewohnt.“ Christ ist der Meinung, man dürfe ältere Menschen nicht generell als digitale Analphabeten behandeln. „Und wer Gasthörer an einer Uni ist, lernt auch den Umgang mit der digitalen Welt.“ Aber es gebe auch Hilfe von KOOST oder vom „Verein zur Förderung des Gasthörer- und Senioren-Studiums an der Uni Köln“, betont sie.
00:03:50: Gehirnmuskel trainieren. Freiwilligkeit, Interesse, Freude, Spaß – wenn es ums Lernen im Alter geht, hätten diese Faktoren eine bedeutende Rolle, sagt Dr. Bettina Thöne-Geyer. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am „Deutschen Institut für Erwachsenenbildung“ in Bonn. Das ist gleichzeitig das Leibniz-Zentrum für lebenslanges Lernen. In ihrer Arbeit kümmert sich Thöne-Geyer um die Bildung älterer Menschen. Das Gehirn könne man sich vorstellen wie einen Muskel, erklärt Thöne-Geyer. „Um fit zu bleiben, muss ich was dafür tun.“ Wie man sein Gehirn trainiert, sei individuell, vielfältig und unterschiedlich. Als Beispiele nennt Thöne-Geyer „organisierte Bildung“ und „informelles Lernen“. An organisierter Bildung wie einem Studium nehmen rund 16 Prozent der Menschen teil, die verrentet sind. Die meisten sind bereits ihr Leben lang an Weiterbildung interessiert. Und Bildung im Alter ist weiblich. „Das bedeutet, wir erreichen mit der organisierten Bildung längst nicht alle“, so Thöne-Geyer. Aber auch Zeitunglesen ist eine Form des Lernens, und andere Menschen treffen. Das Gehirn braucht Futter und darum muss sich jeder Einzelne kümmern. Motivation ist hierbei ein entscheidender Faktor. „Dann kann ich bis ins hohe Alter auch eine neue Sprache lernen“, bekräftigt Thöne-Geyer.
00:05:04: Wer rastet, der rostet. Die lernt Gisela Schmitt (Name von der Redaktion geändert). Platz für Langeweile gibt es in ihrem Leben nicht. Fitness-Studio, Kartenspielen mit Freunden, Wander- und Radtouren, Chorproben, ehrenamtliche Hilfe bei einer Lebensmittelausgabe – der Terminkalender der 68-Jährigen ist gut gefüllt. „Ich brauch das“, sagt die ehemalige Buchhalterin einer Industrie- und Baufirma. Vor dem Fernseher sitzen und nichts tun kommt für sie nicht infrage. „Wer rastet, der rostet“, lautet ihre Devi- se. Das ist nicht nur körperlich gemeint, sondern auch geistig. Sudoku, Kreuzworträtsel oder Puzzle helfen ihr, auch im Kopf fit zu sein. Wichtig sind ihr in diesem Zusammenhang auch die sozialen Kontakte. Nun ist noch eine neue Sprache dazugekommen. Denn: Sie hat einen netten Mann kennengelernt. Das ist auch der Grund, warum sie nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden will. „Sonst tratschen die Leute immer so“, sagt sie. Im Supermarkt seien sie in der Obst- und Gemüseabteilung ins Gespräch gekommen. Ihr fiel sein leichter Akzent auf. Die Erklärung: Er stammt aus Spanien, ist aber der Arbeit wegen mit der Familie vor über dreißig Jahren in Köln gelandet. Immer wieder rückte die Sprache in den Mittelpunkt. Und irgendwann reifte bei Schmitt der Entschluss, Spanisch zu lernen. Bei der Volkshochschule Köln absolvierte sie zuerst einen Einsteigerkurs, jetzt besucht sie eine private Sprachschule. Zu Hause heißt es Vokabeln lernen. Das macht Schmitt klassisch mit Karteikarten. Ihre Enkel haben ihr ein Lernprogramm auf das Smartphone geladen. „Doch mit den Karten klappt es irgendwie besser“, erzählt sie. Jeden Dienstag ist Teetrinken im Café angesagt. Ein Smalltalk mit ihrem Bekannten sei mittlerweile auch auf Spanisch möglich, so Schmitt. Dabei versucht sie, so viel wie möglich auf Spanisch zu sagen. Manchmal lacht er, wenn sie ein Wort falsch ausspricht. „Das ist aber nett gemeint“, sagt sie. Sie lässt sich gerne korrigieren. „So lerne ich nicht nur in der Sprachschule, sondern auch in netter Gesellschaft.“ Emotionale und soziale Komponenten – beides sei ganz wichtig, sagt Thöne-Geyer. „Wenn ich mit Menschen im Austausch bin, lerne ich oft besser.“ Gleichzeitig ermögliche das organisierte Lernen diese sozialen Kontakte. Lernen sei nicht nur Wissenszugewinn, so die Expertin. Die damit verbundenen sozialen Kontakte seien wichtig: „Bildung schützt oder ist auch eine Prävention gegen soziale Einsamkeit im Alter.“
00:07:22: Weitere Informationen zu diesem Thema. Universität zu Köln, Zulassung zum Gasthörer und Seniorenstudium ab 1. August für das Wintersemester von Oktober bis März, ab 1. Februar für das Sommersemester von April bis September. Kosten, der Semesterbeitrag liegt bei 100 € ohne Semesterticket. Voraussetzungen, Gasthörende müssen kein Abitur haben, sie unterliegen nicht den Bestimmungen der Prüfungs- und Studienordnung. Nur wer regulär mit Abschluss studieren möchte, unterliegt den Zulassungsvoraussetzungen. Weitere Informationen telefonisch unter 0221 470 6298 oder online unter www.gasthörersenioren.uni-köln.de.
00:08:07: Verein zur Förderung des Gasthörer und Seniorenstudiums an der Universität zu Köln EV. Telefonisch zu erreichen unter 0152 56366253 oder online unter www.fgs-uni-köln.de.
00:08:25: Kölner Volkshochschule, VHS Studienhaus am Neumarkt und in den Stadtteilen. Telefonisch zu erreichen unter 0221 22125990 oder online unter www.kölner-vhs.de. Das Kölner Bildungsportal bietet eine Übersicht über Anbieter, Kurse und Beratungsstellen. Lernende Region Netzwerk Köln EV. Geschäftsstelle in der Julius-Bau-Straße 2. Telefonisch zu erreichen unter 0221 9908290 oder online unter www.bildung.köln.de.
00:09:06: Sie möchten mehr übers Lernen erfahren, dann schauen Sie auf der Website www.kölnerleben.köln vorbei. Geben Sie dort einfach ins Suchfeld Lernen ein, dann werden Ihnen weitere Artikel und Adressen vorgeschlagen. Ihnen sind eher nur neue Kontakte zum Reden oder gemeinsames Erleben wichtig, mit den Suchworten Freundschaft oder einsam können Sie mehr dazu erfahren oder wenden Sie sich direkt an eines der Seniorennetzwerke in ihrem Fedel. Alle Adressen online bei Adressen oder im aktuellen Heft auf den Seiten 32 und 33. Sie sind neugierig auf weitere Artikel von Kölner Leben geworden, dann gehen Sie über den Menüpunkt Service auf Heft lesen und hören. Auf der Seite finden Sie das aktuelle Heft und im Archiv die Hefte der letzten 10 Jahre. Übrigens, dort können Sie sich das aktuelle Heft und die Hefte des letzten Jahres auch komplett vorlesen lassen. Probieren Sie es doch mal aus.