KölnerLeben – Der Podcast für Senioren

KölnerLeben – Der Podcast für Senioren

Gut informiert älter werden.

Transkript

Zurück zur Episode

Sexualität und Lust – ein Leben lang

Mac Kasperek, Lisa von Prondzinski · 05.03.2025

Gelebte Sexualität, die vermeintlich schönste Nebensache der Welt, ändert sich mit den verschiedenen Lebensphasen. Wie wandelt sie sich im Alter und wie kann sie erfüllend gelingen?

„In deinem Alter!“ Entrüstung war die erste Reaktion von Werner, als ihm seine Frau Inge eröffnete, dass sie Sex hat mit Karl, in den sie sich neu verliebt hat. Eigentlich eine alltägliche Geschichte im Kinofilm „Wolke 9“, doch das Echo war groß. Denn der Film zeigte ältere Menschen in den Irrungen und Wirrungen von Lust und Liebe, wie man es so deutlich und vor allem nackt sonst nur mit jungen Protagonisten zu sehen bekommt. Die Reaktionen reichten von Ekel und Unglauben über Ablehnung bis zu wohlwollender Verwunderung.

Sex spielt immer eine Rolle

Dieser Film ist zwar über 15 Jahre alt, spiegelt aber immer noch heutige Einstellungen zur Sexualität älterer Menschen wider. Kaum jemand möchte sich die Eltern oder Großeltern beim Liebesspiel vorstellen. Sex ist ein großes Tabu-Thema, gerade wenn es um Ältere geht. Dabei begleiten uns Lust und Liebe das ganze Leben. Laut der Berliner Altersstudie II aus dem Jahr 2019 sind 60- bis 80-Jährige im Durchschnitt zwar sexuell weniger aktiv und haben weniger sexuelle Gedanken als Jüngere. Doch im Erleben von Gefühlen wie Intimität und Geborgenheit gibt es zwischen Jung und Alt nur geringe Unterschiede. „Wir bleiben bis zum letzten Atemzug sexuelle Wesen“, stellt Professor Michael Vogt von der Hochschule Coburg fest.

Vogt forscht seit den 1990er Jahren zum Thema „Sexualität im Alter“ und Partnerschaft. Für den Forscher ist Sexualität weit mehr als der reine Geschlechtsakt mit Penetration und weder einseitig mit dem „steifen“ Penis noch mit einem Orgasmus-Zwang verknüpft. Tasten, Krabbeln und Massieren, Riechen, Schmecken, Begehren und Begehrtwerden und vieles mehr gehören zu der breiten sexuellen Palette. „Im Alter wächst das Bedürfnis nach Berührung und Zärtlichkeit“, betont Vogt.

Erfülltes Sexualleben steigert die Lebensqualität

Den Königsweg zu einem glücklichen Sexualleben gibt es nicht. Doch ein erfülltes Sexualleben trägt wesentlich zur Lebensqualität bei. Das ist noch nicht alles: Wissenschaftliche Studien attestieren sexuell aktiveren älteren Menschen bessere geistige Fähigkeiten und körperliche Fitness – nicht als Voraussetzung für Sex, sondern als Ergebnis. Weitere gesundheitsfördernde Effekte: Unter anderem wird das Herz-Kreislauf-System angeregt und Oxytocin freigesetzt – das Bindungshormon, das geduldiger und entspannter macht.

Warum mit dem Älterwerden die sexuelle Aktivität oft hinter dem Interesse zurückbleibt oder gar ganz erlischt, hat viele Ursachen. Nicht immer liegt das am Partnermangel, von dem Frauen wesentlich häufiger betroffen sind als Männer, weil sie länger leben. Auch in einer Partnerschaft geht die sexuelle Aktivität aus unterschiedlichsten Gründen zurück. „Manche Ältere nehmen das als Alterserscheinung hin, doch die Zahl derer, die Rat suchen, steigt“, weiß Vogt.

Für ein erfülltes Liebesleben ist es nie zu spät. Das älteste Paar, das Vogt beraten hat? Der Mann war 91 Jahre, die Frau 89 Jahre alt. Heute suchen mehr ältere Paare als früher nach Hilfe. Falls nicht gezielt nach Sexualberatung, dann doch in der Eheberatung, in der auch über sexuelle Schwierigkeiten gesprochen wird. Wer die Scham überwindet, sich dem Partner mitzuteilen, kann mit erfreulichen Entwicklungen in der Partnerschaft rechnen.

Verunsicherung durch körperliche Veränderungen

In einer Gesellschaft, die Körperkult und Jugendwahn hinterherhechtet und Alterssexualität ausblendet, verlieren viele mit dem Älterwerden den Zugang zu ihrer Sexualität. Die Folgen können psychologischer Natur sein: Ungewissheit, Unsicherheit und Ängste sind mentale Hürden, die oft mit dem Lustverlust einhergehen. Der Körper entspricht nicht mehr dem jugendlichen Schönheitsideal, man findet sich selbst nicht mehr so attraktiv, schämt sich und sendet keinerlei sexuelle Signale mehr an den Partner. Dabei tun ältere Menschen gut daran, sich so anzunehmen, wie sie sind. „Denn das ‚mächtigste‘ Sexualorgan ist das Denken“, stellt Dr. Herbert Mück fest, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Köln.

„Wenn sich zum Beispiel Männer unnötig unter Stress setzen, Versagensängsten Platz einräumen, weil sie gelernt haben, immer ‚ihren Mann stehen‘ zu müssen, kann sich das ungünstig auf die Erektion auswirken“, erklärt Mück. Ein Penis wird nämlich nur dann steif, wenn sich die Penisarterien öffnen und die Schwellkörper mit Blut füllen. Dazu braucht es aber Signale der Entspannung.

Sexualität verändert sich

Nicht nur der Körper verändert sich mit der Zeit, sondern auch die Art, die Lust auszuleben. Anders gesagt: War eine schnelle Begegnung mit dreißig noch reizvoll, ist sie mit siebzig weder gewünscht noch möglich. Vielleicht ist man nicht mehr so leistungsfähig oder körperlich eingeschränkt. Mit zunehmendem Alter scheint alles mehr Zeit zu brauchen, das gilt auch für den Sex.

Auch hormonelle Veränderungen wirken sich oftmals auf die Libido aus: So sinkt bei Männern der Testosteronspiegel, die Lust lässt nach und Erektionsprobleme nehmen zu. Bei Frauen in den Wechseljahren produziert der weibliche Körper nun weniger vom Sexualhormon Östrogen, was sich auf die Haut und Schleimhäute, Blutgefäße, Knochen, Bindegewebe und das Gehirn auswirkt. Und weil die Scheidenschleimhaut trockener wird, dauert es länger, bis der gewünschte Erregungszustand erreicht ist und sich genügend Scheidensekret bildet. Die vaginale Trockenheit kann zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen. Das ist aber kein Grund, sich damit abzufinden.

Abhilfe können hormonhaltige Cremes, Gels oder Zäpfchen schaffen. Die Risiken dieser lokalen Hormonbehandlung schätzt Mück so ein: „Die Sorge, dass lokal angewen- dete Östrogen-Präparate schwerwiegende Nebenwirkungen haben könnten, erscheint den bisherigen Untersuchungen zufolge unbegründet.“ Medizinisch völlig unbedenklich sind beim Liebesspiel Hilfsmittel wie Gleitmittel.

Tabus, die bis ins hohe Alter wirken

Weitere sexuelle Hilfsmittel wie Vibratoren, Liebeskugeln und Dildos verwenden Jüngere heute ganz selbstverständlich und Selbstbefriedigung ist natürlich. Viele Ältere dagegen kennen keine Hilfsmittel, lehnen sie ab oder empfinden es als ungehörig, sich selbst anzufassen. Was nicht verwundert, denn wer in den 60er Jahren jung war – vor der sogenannten sexuellen Revolution und der späteren Frauenbewegung –, wuchs mit sexuellen Tabus auf, die noch heute nachwirken.

Die heute schönste Nebensache der Welt hatte etwas Anstößiges. Vor allem Frauen haben in jungen Jahren Sexualität oft nicht wirklich frei erfahren können. Es gab wenig Aufklärung, und Körperlichkeit im Ehebett fand oftmals im Dunkeln statt. Vogt erinnert sich an eine ehemalige 75-jährige Klientin, die ihm erzählte: „Mein Mann ist immer über mich drüber weggerutscht. Ich bin froh, dass das jetzt vorbei ist.“ Die Frau fügte sich dieser sogenannten ehelichen Pflicht. Und auch die Männer kannten es nicht anders.

Sexualität und Krankheit

Neben gesellschaftlichen Prägungen und altersbe- dingten Hormonveränderungen können auch körperliche Einschränkungen und Krankheiten die Lust dämpfen. Wer an Diabetes, Rheuma, Gicht oder Blutdruckerkrankungen leidet oder Krebs-, Prostata- oder Gebärmutteroperationen hinter sich hat, muss unter Umständen Medikamente einnehmen. „Damit wird zwar die Krankheit adäquat behandelt, aber Libido oder Potenz können nachlassen“, so Vogt. „Doch viele Betroffene scheuen sich, offen mit ihrem Arzt darüber zu sprechen, und Ärzte wiederum sprechen das Thema viel zu selten von sich aus an.“ Kommt es jedoch auf den Tisch, kann oft relativ einfach geholfen werden.

Auch eine beginnende Demenz ist für viele Paare kein Grund, die gemeinsame Sexualität einschlafen zu lassen, fügt Mück hinzu: „Vielmehr kann der gesunde Partner dem Erkrankten dadurch ein Gefühl der Wertschätzung vermitteln. Zugleich kann das Paar erleben, dass ein wichtiger Teil der Beziehung weiter funktioniert und beide nach wie vor verbindet.“

Kommunikation ist das A und O

Die Scheu vor Gesprächen über sexuelle Schwierigkeiten und Wünsche sollte jeder versuchen zu überwinden, auch dem Partner zuliebe. Denn verliert man die Lust und schweigt dazu, entstehen womöglich folgenschwere Missverständnisse: Der andere fühlt sich zu Unrecht abgelehnt und findet sich mit dem Lustverlust des anderen ab. Am Ende sind beide unzufrieden in ihrer Beziehung.

In Beratungsstellen wie pro familia befähigen Gesprächsübungen auch Ältere wieder dazu, eigene Wünsche zu äußern und das Vermeidungsverhalten aufzubrechen. Unliebsame Gewohnheiten über Bord werfen, neue Pfade einschlagen, das kann eine Beziehung beleben. „Sich auch ‚seelisch‘ wieder öffnen, die eigenen Gedanken, Gefühle, Sorgen und Wünsche äußern, all das erzeugt Intimität und macht einen wieder begehrenswert für den anderen“, sagt Mück.

Vollständiger Beitrag zum Lesen: https://koelnerleben-magazin.de/themen/gesund-leben/sexualitaet-im-alter-lust-ein-leben-lang.html?page=1

Über diesen Podcast

KölnerLeben ist ein Medium der Stadt Köln für die ältere Kölner Bevölkerung. Es informiert über wichtige soziale und kulturelle Themen. Hören Sie Beiträge, die Sie interessieren! Lesen Sie mehr im KölnerLeben Magazin, das alle 3 Monate zum 1. März, 1. Juni, 1. September und 1. Dezember erscheint und kostenfrei zum Mitnehmen in allen Kölner Bezirksrathäusern, Bibliotheken und vielen Apotheken ausliegt. Das Magazin und viel mehr online unter www.koelnerleben.koeln.

von und mit KölnerLeben. Die Podcasts werden produziert von Redaktion Köln-Kompakt des atz e.V., Hörmedien für Sehbehinderte und Blinde; bis 2022: David Korsten

Abonnieren

Follow us